Samstag, 24. Juni 2017
Die Evolutionstheorie soll nicht länger an Schulen in der Türkei gelehrt werden.
Türkei streicht die Evolution aus dem Lehrplan

Die Evolutionstheorie soll in der Türkei erst an der Universität gelehrt werden, für Schüler sei sie zu kompliziert. Kritiker warnen vor einer Abkehr vom Säkularismus.

Die Evolutionstheorie soll nicht länger an Schulen in der Türkei gelehrt werden. Das sagte ein hochrangiger Beamter des türkischen Bildungsministeriums nach Angaben des britischen Guardian. Der Vorsitzenden des Bildungsausschusses, Alpaslan Durmuş, sagte in einem Video, das das türkische Bildungsministerium veröffentlichte, die Theorie sei fragwürdig, umstritten und zu kompliziert für Schüler.

Durmuş zufolge soll ein Kapitel über die Evolutionstheorie aus den Biologiebüchern für die neunte Klasse entfernt werden. Das Thema solle erst nach der Schule an der Universität gelehrt werden.

Die Debatte über die Evolutionslehre war in der Türkei Anfang dieses Jahres entstanden, als der türkische Vizepräsident Numan Kurtulmuş die Evolution als eine archaische Theorie bezeichnete, die nicht genügend belegt sei. Damals entstand ein erster Entwurf für einen neuen Lehrplan.

Außerdem soll künftig der Säkularismus weniger Platz im Lehrplan bekommen. Bisher wird in der Türkei die Koexistenz von mehreren Religionen ebenso gelehrt wie die Trennung von Religion und Staat.

23. Juni 2017, 13:05 Uhr / Quelle: ZEIT ONLINE




Türkei streicht Darwins Evolutionstheorie aus Lehrplänen

Atheismus als „Krankheit“: Regierungskritiker sehen geplante Neuerungen in den türkischen Lehrplänen als weiteren Beweis dafür, dass die AKP-Regierung um Präsident Erdogan das Land islamisieren will.

Von Cigdem Akyol/APA

Ankara – Säkularismus, Wiedergeburt und Atheismus sollen in türkischen Religionsbüchern als „problematische Überzeugungen“ und als „Krankheiten“ eingestuft werden. Die Evolutionstheorie von Charles Darwin muss aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen werden. Der Gründer der laizistischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, soll immer mehr aus den Unterrichtsinhalten verschwinden.

Diese Neuerungen in den türkischen Lehrplänen kündigte nun Bildungsminister Ismet Yilmaz an. Zwar handelt es sich noch um Vorschläge, doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits ab Februar in Kraft treten.

Kreationismus statt Evolutionstheorie

Damit würde dann umgesetzt werden, was Säkularisten in der Türkei schon seit langer Zeit fürchten: Die islamisch-konservative AKP-Regierung stärkt Schritt für Schritt die religiösen Inhalte in Bildungsanstalten, indem sie etwa die Theorie des Kreationismus unterstützt. Der Kreationismus lehnt die Evolutionstheorie ab und geht davon aus, dass alle Arten von Gott geschaffen wurden. „Die Beseitigung der Evolutionstheorie aus den türkischen Schulen scheint die jüngste Runde im Jahrhunderte alten Kulturkrieg zu sein“, kommentierte der regierungskritische Journalist Mustafa Akyol den jüngsten Vorstoß im Internetmagazin Al-Monitor.

Statt der Evolutionstheorie soll demnächst das Ersatzkapitel mit dem Titel „Lebewesen und die Umwelt“ in den Schulbüchern zu finden sein. Zudem sollen alle Hinweise auf Darwin‘sche oder „neo-darwinistische“ Theorien entfernt werden. „Mit anderen Worten, ein türkischer High-School-Absolvent wird nichts über eine der wichtigsten wissenschaftlichen Theorien lernen“, konstatiert der Journalist Akyol. Mit solch einem Vorgehen würden die religiös Konservativen glauben, sie würden das Bildungssystem „reinigen“.

Re-Islamisierung unter Erdogan

Die Türkei ist das einzige muslimische Land der Welt, das ein laizistisches Selbstverständnis hat. Laut Verfassung dürfen „heilige religiöse Gefühle“ nicht „mit den Angelegenheiten und der Politik des Staates“ vermischt werden. Ein Grundsatz, an den sich eigentlich auch der offen religiöse Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu halten hat. Tatsächlich aber hält sich Erdogan oft nicht an diese Vorgabe. So hat er bei Wahlkämpfen gelegentlich einen Koran in der Hand gehalten, was als Tabubruch gilt in der Türkei.

Tatsächlich erlebt die Türkei seit seinem Amtsantritt 2003 als Regierungschef eine Re-Islamisierung. So wurde etwa das Kopftuchverbot in staatlichen Einrichtungen weitgehend gelockert. Die Möglichkeiten des Alkoholkonsums an öffentlichen Orten wurden eingeschränkt. Auch Gewinnspiele dürfen keinen Alkohol mehr als Preis ausloben. Erdogan forderte 2014, türkische Schüler sollen Osmanisch lernen, die Vorgängersprache des modernen Türkisch – ohne lateinische Buchstaben. Politiker der kemalistischen Oppositionspartei CHP und der prokurdischen HDP warnen regelmäßig vor einer „religiösen Diktatur“ durch die AKP.

Darwin als rotes Tuch

Um die Evolutionstheorie gab es immer wieder Ärger in der Türkei. 2009 etwa wurde auf Anordnung des staatlichen Wissenschaftsrates in der Fachzeitschrift Bilim ve Teknik – zu deutsch: „Wissenschaft und Technik“ – die Veröffentlichung eines Artikels über Darwin gestoppt. Die Herausgeberin wurde entlassen, nachdem sie das Titelblatt der März-Ausgabe der vor 150 Jahren veröffentlichten Evolutionstheorie Darwins gewidmet hatte.

Quelle : Tiroler Zeitung, 24.01.2017

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